Effectuation ist also ein Teil der Wirtschaftswissenschaft, der in den Kreativbranchen bislang wenig beachtet wird, obwohl er Entscheidungslogiken beschreibt, die insbesondere in der Startup-Szene längst zum Arbeitsalltag gehören: Vorgehen mit begrenzten Mitteln, schrittweise Entwicklung, Kooperation statt Kontrolle. Warum diese Verbindung bislang kaum gelingt, hat aus meiner Sicht mit einer oft wenig reflektierten Trennung zwischen den Disziplinen zu tun. Diese beruht zum Teil auf überlieferten Zuschreibungen, etwa der Vorstellung, wirtschaftliche Interessen und gestalterische Integrität stünden grundsätzlich im Widerspruch zueinander. Verstärkt wird das durch Rollenmuster wie Chefredaktion versus kaufmännische Verlagsleitung.
Dabei gäbe es an genau dieser Stelle Potenzial. Zum einen für mehr Offenheit gegenüber flexiblen, iterativen Arbeitsweisen auf der wirtschaftswissenschaftlichen Seite. Und für die Verbindung zu strukturellem Wissen auf Seiten der kreativen Teams. Sie handeln oft längst unternehmerisch, aber ohne zu wissen, was daran eigentlich funktioniert, wo es methodische Ansätze für Verbesserungen gäbe. Man muss ja nicht jedes Mal bei null anfangen.
Wer uns von POCKETS kennt, wird sich nicht wundern, dass ich an dieser Stelle einfüge: Zum Beispiel gehören auch Zahlen zu Effectuation. Ein gutes Finanzmodell hilft, Annahmen und Möglichkeiten sichtbar und diskutierbar zu machen, ermöglicht gedankliche Probeläufe und Abwägungen, und trägt dazu bei, Entwicklungen im Geschäftsmodell auch in hektischen Situationen überprüfbar zu halten. Es soll dabei weniger Architekturzeichnung sein als Baugerüst: vorläufig, veränderbar, aber hilfreich, um Struktur in Ideen zu bringen und um Vorhaben in eine Sprache zu übersetzen, die auch jenseits von Redaktion, Produkt oder Code anschlussfähig bleibt – gegenüber Crazy-Quilt-Mitstreiter*innen, Investor*innen, Jurys oder der Community.
Sarasvathy hat mit Effectuation nicht nur ein Modell beschrieben, sondern eine Bewegung in der Wirtschaftswissenschaft initiiert. Studien zeigen, dass Effectuation dort als resiliente Strategie in unvorhersehbaren Umfeldern (VUCA, BANI) zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Lasst uns unternehmerisches Handeln unter Unsicherheit also nicht als notdürftige Ausnahme behandeln, sondern als relevante, nachhaltige Kompetenz begreifen. Verschränkt mit wirtschaftlichem Wissen ist dieses Vorgehen nicht improvisiert und auch nicht naiv – sondern gut begründbar, nachvollziehbar, weiterentwickelbar. Fliegen auf Sicht, die Instrumente im Blick. Kein Notbehelf, sondern state of the art.