Die tagesschau auf TikTok – Ein Interview mit Felix Edeha

Der TikTok-Kanal der tagesschau hat 1,3 Mio. Follower. Felix Edeha gibt Einblicke in seinen Arbeitsalltag und erklärt das Erfolgsrezept der tagesschau auf Social Media.

Felix Edeha

Der TikTok-Kanal der tagesschau hat mittlerweile 1,3 Millionen Follower und war 2021 bereits für den Grimme Preis nominiert. Täglich werden dort aktuelle News und gesellschaftsrelevante Themen gepostet und es wird mit jungen Menschen diskutiert.

Wir haben mit Felix Edeha (29) gesprochen, Presenter und Autor der Nachrichtensendung auf TikTok. Seine Kolleginnen Anna Albrecht, Antje Kießler und er setzen und recherchieren Themen, schreiben die Skripte und präsentieren die Videos.

Im Interview gibt er uns Einblicke in seinen Arbeitsalltag und das Erfolgsrezept der tagesschau auf Social Media.

nextMedia: Was macht den tagesschau TikTok Kanal so erfolgreich?

Felix Edeha: Wir bringen die wichtigsten News zu Schüler*innen und jungen Menschen, versorgen sie kompakt und auf Augenhöhe mit verlässlichen Informationen. Gleichzeitig sind wir auf der Plattform zu einer wichtigen Adresse für die Fragen von Teenagern geworden. Ein Beispiel: Gerade zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben sich viele Jugendliche große Sorgen gemacht und uns unter anderem gefragt, ob sie Angst vor einem Atomkrieg haben müssen. Diese Frage haben wir in einem Video aufgegriffen, mithilfe eines Sicherheits-Experten eingeordnet und die Jugendlichen dadurch beruhigen können.

Neben Nachrichten, Hintergründen und Medienkompetenz-Videos haben wir das Privileg, nahbaren und unterhaltsamen Content mit tagesschau-Sprecherinnen wie Susanne Daubner oder Tagesthemen-Moderatoren wie Ingo Zamperoni zu produzieren. Diese Videos, zum Beispiel zum Jugendwort des Jahres, erreichen immer wieder mehrere Millionen Videoabrufe und zeigen, dass die tagesschau hin und wieder auch Humor haben darf.

nextMedia: Wie wichtig ist es für die tagesschau, eine Präsenz auf TikTok zu haben und warum?

Felix Edeha: Auf TikTok sind viele unterwegs, die wahrscheinlich alle Nachrichtenredaktionen Deutschlands noch gerne viel häufiger als Rezipient*innen hätten. Mit unseren Videos erreichen wir auf TikTok nicht nur Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren, sondern auch junge Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Das Potential, die Gruppe der unter 20-Jährigen mit tagesschau-Nachrichten zu erreichen und diesen User*innen Lust auf Informationen zu machen, ist aktuell wohl nirgends so groß wie auf dieser Plattform. Deshalb ist unser Account ein wichtiges Puzzleteil in unserer digitalen Distributionsstrategie.

nextMedia: Was sind die größten Herausforderungen bei der Produktion von TikTok-Inhalten für ein Nachrichtenformat wie die tagesschau?

Felix Edeha: Herausfordernd ist es, News und Zusammenhänge, die ein bestimmtes Vorwissen voraussetzen, leicht und verständlich zu erklären – und das in idealerweise 30 bis 45 Sekunden. Wenn das Bundeskabinett beispielsweise beschließt, dass China Teile eines Hamburger Hafenterminals kaufen darf – dann muss man erklären und abbilden, wie dieser Deal zustande gekommen ist, aber auch, warum er für sehr viel Kritik sorgt. Damit die jungen User*innen das nachvollziehen und verstehen können, muss aber erstmal klar sein, welche Bedeutung der Hamburger Hafen für Deutschland und Europa hat, was sich beide Seiten von der Vereinbarung versprechen und wie der Deal das Abhängigkeitsverhältnis zu China verändern könnte.

Im Zweifel sollte man beim Erklären immer weniger Vorwissen voraussetzen als zu viel.

nextMedia: Wie wählt ihr die Themen aus, über die du und deine Kolleg*innen auf TikTok berichtet?

Felix Edeha: Wir achten bei der Auswahl der Nachrichten darauf, dass sie für Jugendliche relevant sind. Dabei geht es darum, sich zu fragen, was wirklich einen Mehrwert bietet und wie man ein Thema erzählt. Wir muten unseren Nutzer*innen aber auch wichtige Nachrichten zu, die womöglich erstmal keine größere Rolle in ihrer Lebensrealität spielen. Beispielsweise, wenn Regierungsviertel oder -Gebäude in Brasilia oder Washington D. C. verwüstet oder gestürmt werden. Daneben setzen wir auf das Vermitteln von Medienkompetenz für unsere junge Community: Wir erklären zum Beispiel wie TikTok auswählt, welche Videos Nutzer*innen im For-You-Feed sehen oder wie man Falschnachrichten erkennen kann.

nextMedia: Wie unterscheiden sich die Inhalte und Darstellungsformen, wie ihr Nachrichten auf TikTok präsentiert, von eurem traditionelleren Ansatz im linearen Fernsehen oder z.B. der Webseite?

Felix Edeha: In unseren TikTok-Videos setzen wir schnelle Schnitte, achten auf einfache Formulierungen ohne Agentur-Sprache und auf eine Ansprechhaltung auf Augenhöhe. Ich versuche, die Nachrichten für TikTok so zu präsentieren, als würde ich sie meinem jüngeren Bruder oder meiner jüngeren Schwester erzählen. Das alles mag für traditionelle Journalist*innen ungewöhnlich klingen. Vor allem, wenn sie nicht mit Sozialen Medien aufgewachsen sind. Teenager sind aber nun mal keine „News-Junkies“. Auf der Plattform haben wir einen eigenen Weg gefunden, Jugendliche mit seriösen Informationen zu versorgen – aber eben auf eine junge und lockere Art und Weise.

nextMedia: Wie interagiert ihr mit der Community? Wie reagiert ihr z. B. auf negative Kommentare oder Desinformationen?

Felix Edeha: Auf TikTok können wir direkt mit unseren Zuschauer*innen in den Dialog treten. Das geschieht meist in den Kommentaren, aber hin und wieder auch in Lives, in denen wir zum Beispiel Fragen zu unserer Arbeit beantworten oder zeigen, wie wir an Informationen kommen. Neben vielen konstruktiven Kommentaren unter unseren Videos gibt es – je nachdem, um welches Thema es gerade geht – auch mal negative Kommentare. Durch den TikTok-Algorithmus piekst man gefühlt mit jedem Video andere Filterblasen an. Das spiegelt sich dann auch mal in den Kommentaren wider. Auf der Plattform nehme ich den Umgang in den Kommentaren aber als etwas gesitteter und wohlwollender wahr als beispielsweise auf Instagram oder Facebook.

Wenn es um Desinformationen geht, die sich in Videos von Privatpersonen oder Influencer*innen leider häufig rasend schnell verbreiten, agieren wir auf der Plattform als Fact-Checker*innen. Häufig werden wir von unseren Nutzer*innen auf mutmaßliche Falschnachrichten aufmerksam gemacht. Sie taggen uns unter den Videos. Fragen uns, ob das, was dort erzählt wird, wirklich stimmt. Gerade während der Corona-Pandemie, zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine oder zuletzt auch während der Massenproteste im Iran ist das häufiger vorgekommen. In diesen Fällen decken wir Falschinformationen auf und liefern verifizierte Informationen. Zusätzlich geben wir unseren Zuschauer*innen wichtige Tipps an die Hand – zum Beispiel, wie sie Falschmeldungen selbst erkennen können.

nextMedia: Was sind eure Pläne für die Zukunft des TikTok-Kanals der tagesschau?

Felix Edeha: Wir entwickeln unseren Kanal und die Inhalte stetig weiter. Seit Ende 2022 bieten wir jeden Freitag mit den „News der Woche“ einen Nachrichtenrückblick mit den drei Top-Themen der Woche an. Zudem testen wir künftig Abläufe, unsere Themen und Videos auf noch mehr Plattformen abrufbar zu machen. Eine große Rolle wird neben dem aktuellen Tagesgeschäft auch weiterhin die Vermittlung von Medienkompetenz-Inhalten spielen.

Weitere Artikel

Predictions 2026
Creator Economy
Plattformen
Künstliche Intelligenz

Predictions 2026

Was erwartet die Medien- und Digitalbranche 2026? Der nextMedia-Beirat hat für uns in die Zukunft geschaut.

Mehr erfahren
Mehr erfahren
Zellerfeld Schuhe in unterschiedlichen Farben und Formen sind auf einer weiße Ausstellungswand unter einer Treppe angebracht.
Plattformen

Michael Krause im Interview – Wie Zellerfeld die Schuhbranche auf den Kopf …

Die Firma Zellerfeld druckt Schuhe in 3D-Druckern. Ihre Vision: "Printed shoes on every foot". Wir sprachen mit Michael Krause über die Pläne des Unternehmens.

Mehr erfahren
Mehr erfahren
Bjrön Staschen spricht beim nextMedia Festival vor Publikum.
Plattformen

Es wird nicht reichen zu sagen „das ist besser für dich“ – Björn Staschen im …

Er kritisiert die Monopolmacht von Social Media Plattformen und setzt sich für eine unabhängige Netzwerkstruktur ein – dem Fediverse. Doch wie kann diese attraktiver werden?

Mehr erfahren
Mehr erfahren
NURIO: Qualitative Medien als Arbeitgeber-Benefit
Journalismus
Plattformen

NURIO: Qualitative Medien als Arbeitgeber-Benefit

NURIO will Menschen zurückführen zu faktenbasiertem Journalismus. Die Plattform bewegt sich an der Schnittstelle zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und moderner Arbeitswelt und bietet Mitarbeitenden einfachen Zugang zu Qualitätsmedien.

Mehr erfahren
Mehr erfahren
Der Gründer von fuse.space sitzt entspannt auf einer Treppe.
Audio
Plattformen

fuse.space sichert geistiges Eigentum mit Blockchain-Technologie

Erfahre, wie fuse.space mit Blockchain-Technologie dein geistiges Eigentum schützt und sichere, transparente Zusammenarbeit und das Teilen von Inhalten weltweit ermöglicht.

Mehr erfahren
Mehr erfahren
Götz Trillhaas, Managing Director bei Snap steht in einem Loft mit unverputzen Backsteinwänden. Hinterihm ein gelbes Sofa.
Plattformen
Metaverse

Wie Snap mit My AI einen eigenen Bot entwickelt

Götz Trillhaas, Managing Director bei Snap, spricht im Interview über den hauseigenen Chatbot „My AI“. Damit zieht Snapchat bei der Nutzung der GPT-Technologie mit.

Mehr erfahren
Mehr erfahren

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und lass dich einmal im Monat kompakt über Ausschreibungen, Programme und Veranstaltungen informieren.

Ein Smartphone, auf dem die nextMedia Website geöffnet ist.

Wir verwenden Cookies, um externe Inhalte anzeigen zu können. Sie können unter “Einstellungen” der Erhebung von Nutzerdaten widersprechen. Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Wir verwenden Cookies, um externe Inhalte anzeigen zu können. Sie können unter “Einstellungen” der Erhebung von Nutzerdaten widersprechen. Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Ihre Einstellungen wurden gespeichert