Beste Zeiten für visionäre Software-Ideen
Tools sind gefragter denn je – gemeinsam mit Expert*innen blicken wir auf aktuelle Trends und Herausforderungen im Software-Markt.
Tools sind gefragter denn je – gemeinsam mit Expert*innen blicken wir auf aktuelle Trends und Herausforderungen im Software-Markt.
role='presentation'Als Christof Wegmann 2003 die Firma Exit Games in Hamburg gründete, spielte man Multiplayer-Spiele noch selten online, sondern veranstaltete LAN-Partys. Der weltweit führende Handy-Hersteller hieß Nokia, das erste iPhone sollte erst fünf Jahre später das Mobiltelefongeschäft umkrempeln. Aber Wegmann und sein fünfköpfiges Team waren ihrer Zeit voraus: Sie entwickelten eine Software, die mobiles Gaming mit den damaligen Handys möglich machte. „Wir waren wahrscheinlich eines der ersten Unternehmen, die Software as a Service anboten, obwohl es den Begriff damals noch gar nicht gab. Unsere Kunden waren die Anbieter von Spielen. Sie mussten die Software nicht selbst installieren, das haben wir für sie gemacht“, sagt Wegmann. „Das heißt, wir haben Rechenzentrums-Kapazitäten angemietet und von der Spieler-Registrierung über die Multiplayer- und Highscore-Verwaltung bis zum In-App-Payment alles angeboten.“
Umsatz in der Hamburger Software- & Gameingbranche in Euro
Menschen arbeiten in der Branche Software/Games in Hamburg
Alle Daten entstammen dem Goldmedia Standortmonitor nach der Methodik des BMWK Kultur- und Kreativwirtschaft (Stand: Februar 2026). Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2023.
Heute ist „Software as a Service“ (SaaS) Standard: Software-Dienstleistungen für Aufgaben, die früher selbst und häufig mit umfangreicher Hardware gelöst werden mussten. „Früher hatten wir eine Siemens-Telefonanlage, einen eigenen E-Mail-Server und haben alles lokal gespeichert. Heute nutzen wir für all das und viele weitere Funktionen Softwarelösungen, zum Beispiel Cloudspeicher“, erklärt Wegmann. Während sich Software as a Service durchgesetzt hat, konnte Exit Games mit seiner Geschäftsidee nicht ausreichend Gewinn erzielen. Also stellte Wegmann das Produkt um, als sich die Investoren des Start-ups zurückzogen, kaufte mit einem Geschäftspartner das Unternehmen zurück und konzentrierte sich auf Echtzeit-Multiplayer-Umgebungen.
Damit bewies er den richtigen Riecher. Heute hat Exit Games rund 60 Mitarbeiter und neben dem Hauptsitz in der Hamburger HafenCity noch ein Büro in den USA. Das wichtigste Produkt „Photon“ bietet Spieleentwicklern eine fertige Multiplayer-Umgebung, die sie für ihre Spiele nutzen können, statt selbst eine zu programmieren. „Deep Tech ist unser Kern – bei uns geht es um hochkomplexe Programmierung“, erklärt Wegmann. „Unsere Kunden sind die Kreativen. Wären sie Rockbands, dann würden wir wichtige Vorprodukte und Instrumente herstellen, damit sie ihre Musik machen können“, vergleicht Wegmann. Deshalb sei Exit Games auch eher unbekannt bei den Endkunden. Große Studios hätten zwar ihre eigenen Software-Lösungen für die Multiplayer-Programmierung. „Als unabhängige Lösung gehören wir zu den Marktführern. Photon steckt in vielen Multiplayer-Titeln – von Mobile über PC bis VR“, sagt Wegmann. Zu den bekannten Spielen, die auf Photon setzen, zählen etwa Stumble Guys (Mobile), PEAK (Steam/PC) und Gorilla Tag (VR).
Nach Angaben von Exit Games haben sich rund eine Million Entwickler registriert; über Photon werden zudem rund 1,5 Milliarden monatlich aktive Spieler erreicht. Den Erfolg führt er darauf zurück, dass Exit Games trotz der zunehmenden Verbreitung von Künstlicher Intelligenz sehr ingenieurgetrieben aufgestellt sei: „Wir arbeiten nur mit Senior-Entwicklern zusammen und setzen den Fokus voll auf unsere Produkte – in Marketing und Sales investieren wir kaum“, sagt Wegmann. Dass auch eher kleine Studios Photon Engine für ihre Spiele nutzen können, liegt an einem Geschäftsmodell, das in der Gaming-Branche besonders konsequent angewendet wird: Die Entwicklung mit der Software ist kostenlos, und auch Spiele mit kleinen Nutzerzahlen bleiben kostenfrei. Bezahlt wird nutzungsbasiert – die Gebühren steigen mit der Nutzung und damit mit dem Erfolg des Spiels. Der große Vorteil: Neben den großen Playern haben auch Indie-Studios eine Chance am Markt.
„Es kommen gerade sehr viele neue Tools auf den Markt, weil es durch KI viel einfacher geworden ist, Tools zu entwickeln.“
Mit den verschiedenen Preismodellen für Software-Angebote kennt sich auch Valeska Wittgen gut aus. Überhaupt hat die Geschäftsführerin von OMR Reviews einen guten Überblick über Entwicklungen in der Software-Branche: Die Online-Plattform OMR Reviews bündelt von Nutzer*innen verfasste Bewertungen und Erfahrungsberichte über Software-Tools aller Kategorien. Aus Wittgens Sicht sind es vor allem die Abomodelle, die in Zukunft neuen Preismodellen Platz machen werden. „Aus Unternehmenssicht haben Abomodelle viele Vorteile, ebenso aus Sicht der Investoren. Deshalb sind sie auch noch immer weit verbreitet. Perspektivisch werden aber mehr Unternehmen zu nutzungsbasierten Bezahlmodellen wechseln, glaubt Wittgen.
Das legt eine Studie nah, die OMR Reviews 2025 zusammen mit hy durchgeführt hat, einem Berliner Beratungsunternehmen für digitale Geschäftsmodelle und Preisstrategien. Demnach gewinnen zukünftig nutzungsbasierte und hybride Preismodelle an Bedeutung.“ Aktuell würden zwar nur 37 Prozent der Software-Anbieter nutzungsbasierte Modelle nutzen, aber 69 Prozent planen laut der Studie eine Umstellung innerhalb von zwei Jahren.

KI ist aus Wittgens Sicht aktuell ein zentraler Entwicklungstreiber im Software-Bereich – aus zwei Gründen. „Es kommen gerade sehr viele neue Tools auf den Markt, weil es durch KI viel einfacher geworden ist, Tools zu entwickeln.“ Zum anderen würden die bestehenden Player verstärkt KI in ihre Produkte integrieren, beobachtet Wittgen. „Damit wollen sie den Wünschen der User*innen nachkommen, die inzwischen an Chatbots und eine intelligente Suche gewöhnt sind, idealerweise auch schon an eine Prompt-Logik.“ Obwohl sich viele Kunden von KI Effizienzsteigerungen versprechen, sei KI-Einbindung jedoch (noch) nicht so wichtig für die Kaufentscheidung wie andere Kriterien. Insbesondere die Frage, ob eine Software Prozesse automatisieren könne und ob sie gut in bestehende Systeme integrierbar sei, würden demnach in den überwiegenden Fällen zur Kaufentscheidung führen.
Dass die Menge der angebotenen Tools wachse, sei aber nicht nur der KI zu verdanken, betont Wittgen. „Die Nachfrage wächst auch im Bereich ‚Software as a Service‘ aktuell besonders stark. Weltweit wurden 2025 mehr als 1,2 Billionen US-Dollar für Software ausgegeben, eine Steigerung von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Wittgen. „2026 werden noch höhere Ausgaben erwartet, der Branchendienst Gartner rechnet mit 15 Prozent Wachstum.“ Mit den vielen neuen Tools und dem steigenden Gebrauch von KI kämen aber auch neue Herausforderungen. „Wir sind technisch weiter als gesetzlich und gesellschaftlich. Das heißt, es ist nicht ausreichend geklärt, wer was mit welchen Tools darf und was nicht. Ich beobachte, dass sie da auch neue Geschäftsfelder auftun: Beratung und Guidance für den rechtskonformen KI-Einsatz“, sagt Wittgen.
Hamburg als Standort für Software-Anbieter ist aus ihrer Sicht – neben Berlin und München – eine gute Wahl, zum Beispiel die KI-Content-Suite Neuroflash oder das Projektmanagement-Tool awork stammen aus der Hansestadt. Insgesamt kämen Tools aus dem eigenen Land zumindest in Deutschland gut an: Laut dem Top-100-Report von OMR stammen 73 Prozent der beliebtesten 100 Tools aus deutschen Software-Schmieden. Das liege auch daran, dass Unternehmen im deutschsprachigen Raum teilweise andere Erwartungen an Software hätten, zum Beispiel, wenn es um Datenschutz oder Server-Standorte gehe, sagt Wittgen. „Unser Top 100 Guide soll zeigen, welche Tools bei Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz besonders beliebt sind, und wie vielseitig der Markt ist. Deshalb ist es schön zu sehen, dass 73 Anbieter im Ranking selbst aus der Region kommen. Es muss also nicht immer ein Tool aus den USA sein.
„Alle denken, sie müssten jetzt etwas mit KI machen. Dabei reicht manchmal auch ein guter Algorithmus völlig aus. In der Musik kann KI viele Automatisierungs- oder Routineaufgaben übernehmen, etwa bei der Verschlagwortung oder im Mixing. Meine Hoffnung ist, dass wir vor allem solche Fleißarbeit an KI übergeben und uns selbst dadurch wieder auf stärker auf Kreativität fokussieren können.“
Zu den Gründer*innen, die die Hamburger Softwareszene mitgeprägt haben, gehört auch Agnes Chung. Seit ihrem Studium der systematischen Musikwissenschaften mit Informatik im Nebenfach ist Chung unternehmerisch an der Schnittstelle zwischen Musik und Tech unterwegs. Ohne Kenntnisse in beiden Bereichen wäre ihr vielleicht nie in den Sinn gekommen, mit einer neuen Software eine musikalische Marktlücke zu schließen. Mit ihren Kenntnissen aus beiden Welten entwickelte sie 2019 zusammen mit einem Geschäftspartner die Software Musicube, um unbekannte Künstler*innen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
„Man kann in Musikdatenbanken wie Spotify nur nach Songtiteln oder Künstlernamen suchen. Deshalb haben unbekannte Musiker*innen bei den Millionen Songs kaum eine Möglichkeit, außerhalb ihrer eigenen Bubble wahrgenommen zu werden“, sagt Chung. Musicube sollte dieses Problem lösen, indem das Tool mit künstlicher Intelligenz Musikstücke nach verschiedenen Kriterien wie Geschwindigkeit, Stimmung oder Genre analysierte. Dadurch konnte Musicube unbekannte Musiker*innen für jeden individuellen Musikwunsch vorschlagen. 2022 verkaufte Chung Musicube an das US-Musiklizenzunternehmen Songtradr, wechselte selbst mit und blieb bis 2025 als Geschäftsführerin von Musicube und Innovations-Strategin. Dann aber bekommt sie trotzdem Lust auf einen Neustart, verlässt Songtradr und beginnt, Start-ups zu unterstützen. Den Musikbereich muss sie dafür nicht verlassen, das Potenzial für innovative Musiksoftware hält sie noch lange nicht für ausgeschöpft. „Es ist immer hilfreich, für ein Thema zu brennen, wenn man Software dafür entwickeln möchte. Für Musik lässt sich das Feuer besonders leicht entfachen, fast alle haben auf die eine oder andere Weise damit zu tun. Da lassen sich gut Brücken schlagen. Als Jurymitglied beim Musik-und-Tech-Inkubator MusicWorx der Hamburger Kreativgesellschaft sehe ich immer wieder, dass sich sogar ohne ganz tiefe musikalische Vorkenntnisse tolle neue Tools entwickeln lassen“, erzählt Chung.

Auch wenn sie selbst schon lange vor der KI-Welle mit künstlicher Intelligenz gearbeitet hat, betrachtet sie den aktuellen Hype um das Thema skeptisch. „Alle denken, sie müssten jetzt etwas mit KI machen. Dabei reicht manchmal auch ein guter Algorithmus völlig aus. In der Musik kann KI viele Automatisierungs- oder Routineaufgaben übernehmen, etwa bei der Verschlagwortung oder im Mixing. Meine Hoffnung ist, dass wir vor allem solche Fleißarbeit an KI übergeben und uns selbst dadurch wieder auf stärker auf Kreativität fokussieren können.“ Diese Haltung führt Chung auch zu konkreten Anforderungen an gute Software: Wenn sie KI verwendet, dann solle das transparent und die Datenbasis klar sein, nur so ließe sich das Vertrauen der Nutzer*innen gewinnen.
Aktuell sieht Chung außerdem vor allem einen Trend zu niedrigschwelligen und kollaborativen Tools, so zum Beispiel die Design-Plattformen Canva und Figma, ebenso wie Software für besonders nachgefragte Einsatzbereiche, etwa zur Erstellung von Social-Media-Content. Im Musikbereich oder für datengetriebene Analysen aller Art. „Solche Analysen können zum Beispiel Fragen beantworten wie: Wo sitzen eigentlich die Hörer*innen meiner Musik? Das wäre zum Beispiel für die Tourplanung hilfreich, lässt sich aber auch in anderen Branchen nutzen, um die Kundenbindung zu verbessern“, erklärt Chung.
Aus ihrer Sicht lassen sich solche Projekte hervorragend in Hamburg umsetzen. „Hamburg hat starke Ökosysteme in den Bereichen Musik, Medien und Design“, sagt Chung. „Deutschland ist aber generell im Softwarebereich manchmal etwas langsam im Vergleich zu den USA oder China. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Investoren hätten, die das Risiko eingehen, Start-ups mit ihrem Kapital zu unterstützen. Innovation und Entwicklung werden stark ausgebremst, wenn es nicht genug Finanzierungsmöglichkeiten für Gründer*innen gibt.“